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ESBH

Effiziente, sichere bauliche Haftgestaltung in Justizanstalten in Österreich

Programm / Ausschreibung KIRAS, Kooperative F&E-Projekte, KIRAS Kooperative F&E-Projekte 2021 Status laufend
Projektstart 02.11.2022 Projektende 01.11.2024
Zeitraum 2022 - 2024 Projektlaufzeit 25 Monate
Keywords Justizanstalten, Nachhaltigkeit,Haftgestaltung, Standards

Projektbeschreibung

Die österreichischen Justizanstalten sind hinsichtlich ihrer baulichen Rahmenbedingungen und ihrer technischen Gestaltung sehr heterogen. Neben Neubauten finden sich zahlreiche, unter anderem denkmalgeschützte Bestandsgebäude, in deren Substanz unterschiedlich tief eingegriffen wurde. Diese starke bauliche Diversität hat dazu geführt, dass bisher nur bedingt Standards zur baulich-technischen Haftgestaltung entwickelt wurden. Dies hat die Umsetzung von notwendigen einheitlichen Modernisierungsmaßnahmen erschwert, die den Bedürfnissen aller Nutzer*innen (Anstaltsleitung, Beschäftigte und Insass*innen) entsprechen.
Das interdisziplinäre Projektteam setzt sich daher zum Ziel nachhaltige baulich-technische Standards zu entwickeln, die auf dem Status Quo der 23 Justizanstalten (gerichtliche Gefangenenhäuser und Strafvollzugsanstalten) aufbauen, mit allen relevanten Stakeholdern abgestimmt sind und die Bedürfnisse, Problemlagen und Use Cases aller Nutzer*innengruppen einbeziehen.
Das Projekt ist in vier Arbeitspakete (AP) gegliedert. Im AP 01-Projektmanagement werden die 17 Work Group Meetings und sechs Partner*innenmeetings koordiniert, die der Kommunikation und zur Abstimmung der Zwischenergebnisse mit den Projektpartner*innen dienen. Weiter wird in diesem AP das Projektcontrolling und die Berichtslegung durchgeführt. Im AP 02-Grundlagenphase wird der Status Quo der 23 Justizanstalten hinsichtlich Belegszahlen, Beschäftigten, Organisationsstruktur, baulicher Rahmenbedingungen und Infrastruktur qualitativ und quantitativ beschrieben. Dieser Überblick stellt die Ausgangsbasis für die Auswahl der 9 Justizanstalten dar, die im AP 03 im Detail analysiert werden. AP 02 liefert alle relevanten nationalen und internationalen Grundlagen zu den Themen rechtliche Rahmenbedingungen, baulich-technische „Good and best Practices“, systemische und dynamische Sicherheit in Organisationen. Alle Erkenntnisse des AP 02 werden in einem Ergebnisbericht zusammengefasst. Anschließend werden im Zuge des AP 03-Erhebungsphase die 9 ausgewählten Justizanstalten einerseits mittels sozialwissenschaftlicher Methoden untersucht, andererseits anhand der Bestandspläne und mittels Vorort-Begehungen hinsichtlich baulich-räumlicher und technischer Gegebenheiten analysiert. Hierbei stehen vor allem die Bedürfnisse, Problemfelder und Use Cases der Nutzer*innen (Leiter*in, Mitarbeiter*innen und Insass*innen) im Vordergrund. Die inneren Abläufe (Logistik) werden dokumentiert und aus einer interdisziplinären Perspektive (Soziologie, Planung, Architektur, Digitalisierung), die die bisherigen Projektergebnisse miteinbezieht, ausgewertet. Das AP 03 wird ebenfalls mit einem Ergebnisbericht abgeschlossen. Im AP 04-Analyse- und Ergebnisphase wird, aufbauend auf den Ergebnissen von AP 02 und AP 03, eine Soll-Ist Analyse durchgeführt, um nachhaltige baulich-technische Standards abzuleiten. Diese werden mit allen relevanten Stakeholdern abgestimmt und fließen letztlich in einen praxisorientierten Planungskatalog für Auftraggeber*innen und Umsetzer*innen ein, der die Grundlage für ein digitales Zertifizierungstool darstellt.
Der Planungskatalog und das anwendungsorientierte Zertifizierungstool ermöglichen, sowohl für Auftraggeber*innen (BMJ, BIG) wie auch für Auftragnehmer*innen, eine effizientere und effektivere Durchführung von öffentlichen Ausschreibungen sowie eine raschere und bedarfsgerechtere Umsetzung künftiger Modernisierungsmaßnahmen bei österreichischen Justizanstalten, um vor allem die Exekutivbediensteten und Fachdienste bei ihren zentralen Aufgaben, einerseits der sicheren Unterbringung und andererseits der Resozialisierung der Insass*innen zu unterstützen. Das BMI wird die Ergebnisse ebenfalls im Zuge von künftigen Umgestaltungsmaßnahmen polizeilicher Anhaltezentren anwenden.

Darüber hinaus sollen die Erkenntnisse des Projekts in die Hochschullehre und in wissenschaftliche Abschlussarbeiten der FHCW einfließen. Durch Publikationen und die Teilnahme an Konferenzen wird der Anschluss an den nationalen und internationalen Diskurs gewährleistet. Alle Projektpartner*innen streben Juror*innentätigkeiten bei öffentlichen Ausschreibungen an, um die Projektergebnisse nachhaltig zu etablieren. Aufgrund der interdisziplinären Projektausrichtung ist zudem geplant, die Verwertung der Projektergebnisse in nationalen und internationalen Beratungskonsortien, welche die verschiedenen Projektpartner*innen einbeziehen, anzubieten. Die gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen darüber hinaus dem wirtschaftlichen Partner eine Erweiterung ihres Geschäftsfeldes.

Abstract

Austria's prisons are heterogeneous in terms of their structural framework and technical design. In addition to new buildings, there are numerous existing buildings, some of which are listed, whose substance has been interfered with to varying degrees. This strong structural diversity has led to the fact that so far only limited standards for the structural and technical design of prisons have been developed. Consequently, implementing necessary uniform modernization measures that meet the needs of all users (prison management, employees and inmates) has proven difficult.
The interdisciplinary project team therefore aims to develop sustainable constructional and technical standards, which are based on the status quo of the 23 prisons (judicial detention centers and penal institutions), are coordinated with all relevant stakeholders and include the needs, problems and use cases of all user groups.

The project is divided into four work packages (WP). In WP 01 project management, the 17 work group meetings and six partner meetings are coordinated, which serve to communicate and coordinate the interim results with the project partners. Furthermore, project controlling and reporting are carried out in this WP. In WP 02 basic phase the status quo of the 23 prisons is described qualitatively and quantitatively with regard to staff numbers, employees, organizational structure, structural conditions and infrastructure. This overview is the starting point for the selection of 9 prisons, which will be analyzed in detail in WP03. WP 02 provides all relevant national and international foundations on the topics of legal framework conditions, structural and technical "good and best practices", systemic and dynamic security in organizations. All findings of WP 02 will be summarized in a results report. Subsequently, in the course of the WP 03 survey phase, the 9 selected prisons will be examined using social science methods. Additionally, they will be analyzed with regard to structural and spatial conditions based on the inventory plans and on-site inspections. Thereby the needs, problem areas and use cases of the users (managers, employees and inmates) are in the foreground. The internal processes (logistics) will be documented and evaluated from an interdisciplinary perspective (sociology, planning, architecture, digitalization), incorporating previous project results. WP03 will also be concluded with a results report. Building on the results of WP 02 and WP 03, WP 04 analysis and results phase will include a target-performance analysis to derive sustainable constructional and technical standards. These will be coordinated with all relevant stakeholders and will ultimately be integrated into a practice-oriented planning catalog for clients and implementers, which will form the basis for a digital certification tool.

The planning catalog and the application-oriented certification tool will enable both clients (BMJ, BIG) and contractors to carry out public tenders more efficiently and effectively and to implement future modernization measures in Austrian prisons more quickly and in line with requirements, in order to support above all the executive staff and specialist services in their central tasks of providing secure accommodation on the one hand and resocializing inmates on the other. The BMI will also apply the results in the course of future redesign measures of police detention centers.

In addition, the findings of the project are to be incorporated into university teaching and scientific theses at the University of Applied Sciences “Campus Wien” (FHCW). Publications and participation in conferences will ensure continued involvement in the national and international discourse.

All project partners are striving to become jurors for public tenders in order to establish the project results in the long term. The interdisciplinary orientation of the project allows offering the utilization of the project results in national and international consulting consortia involving the various project partners. In addition, the knowledge gained will enable the economic partner to expand their field of business.

Endberichtkurzfassung

Das Projekt „ESBH“ hatte das Ziel, nachhaltige baulich-technische Standards für Österreichs Justizanstalten zu entwickeln. Dafür wurden vorerst theoretische Grundlagen, nationale und internationale Forschung analysiert sowie empirische Ergebnisse zur Praxis des Strafvollzugs erarbeitet und durch Erkenntnisse aus bisherigen Bauprojekten sowie internationalen Beispielen moderner Gefängnisarchitektur und Digitalisierung ergänzt.

Einzeldossiers, Interviews mit Expertinnen und Experten sowie eine Umfrage unter Führungskräften lieferten Einblicke in relevanten Fragestellungen und Herausforderungen. Die erstellten Einzeldossiers der 23 österreichischen Justizanstalten umfassten Aspekte der organisatorischen Struktur und baulich-technischen Gegebenheiten und bildeten die Basis für die Auswahl der Stichprobe von neun Justizanstalten für die detaillierte Erhebung. Die Auswahl wurde anhand der Kriterien Baujahr, Sanierung, geographische Verortung, Belagszahlen sowie gendersensible Überlegungen getroffen. Für die vertiefende Untersuchung wurden qualitative Methoden angewandt. Dies umfasste 70 Leitfadeninterviews anteilig mit Anstalts- und Wirtschaftsleitung, Justizwachekommando, Justizwachebediensteten, Leitung des Sozialen und Psychologischen Dienstes, sowie Insassen und Insassinnen; 13 Fokusgruppen mit Justizwachebediensteten und Fachdiensten; Analyse von Bestandsplänen der neun Justizanstalten; Analyse digitaler Sicherheitssysteme und Ausstattung sowie neun Vor-Ort Begehungen. Die Daten wurden im transdisziplinären Team anhand von Kriterien wie Sicherheit, bauliche und organisatorische Relevanz, Effizienz, Resozialisierung, Reintegration, Privatheit versus Gemeinschaft, Wohlbefinden sowie psychischer und physischer Gesundheit strukturiert. Die Erhebung zeigte große Unterschiede hinsichtlich der räumlichen und ausstattungsmäßigen Gestaltung von Justizanstalten sowie unzureichende Standards auf. Zentral sind Aspekte wie räumliche Verfügbarkeit, Lichtverhältnisse, Akustik, Wartung und Ausstattung, die zwischen und innerhalb der Anstalten erheblich variieren. Herausforderungen bestehen insbesondere bei der Nutzung und Ausstattung von Gemeinschafts- und Besprechungsräumen sowie der Gesundheitsversorgung, wobei häufig ein Mangel an geeigneten Räumen und Ressourcen festzustellen ist. Unterschiede gibt es auch im Angebot und Zugang zu Arbeit, Bildung, Freizeit und Resozialisierungstechnologien, die zur Unterstützung der Insassinnen und Insassen beitragen sollen.

Anhand der Ergebnisse der Erhebungen wurde ein Maßnahmenkatalog sowie praxisorientierte Planungsempfehlungen entwickelt und teilweise mittels eines digitalen Tools auf Basis einer Wiki-Engine zugänglich gemacht. Vorgeschlagen werden dreistufige Standards, die sich (abgesehen von den rechtlich definierten Mindeststandards) als Kombination von Standarderweiterung und dafür erforderlichem Aufwand darstellen. Für den Fall, dass einzelne Maßnahmen nicht oder nur schwer umgesetzt werden können, wurden im Sinne eines Ausgleichs organisatorische Ausgleichsmöglichkeiten vorgesehen.

Die Maßnahmenempfehlungen umfassen: allgemeine gebäuderelevante Themen für einem nachhaltigen und einheitlicheren Betrieb sowie bautechnische Abwicklungsprozesse im Kontext Sicherheit, um etwa auf die klimatischen Bedingungen (sommerliche Überwärmung, Extremwetterereignisse) eingehen zu können; Empfehlungen zum Haftraum welche auf die erheblichen Unterschiede in Größe, Form und Ausstattung von Hafträumen eingehen und entsprechend Bezug nehmen auf Vereinheitlichungsmaßnahmen zu Haftraumbelegung, Bauteil-Standards, sowie verbindliche Mindeststandards für Haftraumausstattung; für den Schwerpunkt Abteilung wird ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sicherheit, effizienter Raumnutzung und Wohlbefinden formuliert etwa durch ein spezifisches Raumprogramm oder Farbleitsysteme; für den Schwerpunkt Räume für soziales und Therapie wird unter anderem auf die Verfügbarkeit und die Ausstattung von Räumen für Einzel- oder Gruppengespräche eingegangen; einen weiteren Schwerpunkt bilden Grünräume und deren vielfältige Bedeutung, etwa als Zugang zu Natur und Frischluft, für körperliche Aktivität sowie zur Förderung eines Mikroklimas; abschließend nimmt der Schwerpunkt Digitalisierung Bezug auf Sicherheits-, Verwaltungs- und Resozialisierungstechnologie und entsprechend ausreichende IT-Infrastruktur sowie geeignete Räumlichkeiten. In der Umsetzung der Maßnahmenempfehlungen wäre ein erster wichtiger Schritt eine strukturelle Aufwertung von baulich-technischen Themenstellungen im zentralen Management und der Verwaltung, um deren Relevanz zu verdeutlichen.