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BeWirkt

Wirkungsevaluation der österreichischen Bewährungshilfe

Programm / Ausschreibung KIRAS, F&E-Dienstleistungen, KIRAS F&E-Dienstleistungen 2022 Status laufend
Projektstart 01.01.2024 Projektende 28.02.2026
Zeitraum 2024 - 2026 Projektlaufzeit 26 Monate
Keywords Bewährungshilfe, Rückfall, Sozialintegration, Wirkungsevaluation

Projektbeschreibung

Bewährungshilfe unterstützt straffällig gewordene Personen dabei, sich mit der begangenen Straftat auseinanderzusetzen und neuerliche Straffälligkeit zu vermeiden sowie die eigene Existenz abzusichern und konstruktive Veränderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen umzusetzen. Im deutschsprachigen Raum bzw. in vergleichbaren Rechtsordnungen fehlen bislang umfassende Wirkungsevaluationen der Bewährungshilfe. Ziel des Projekts ist es daher, die Effekte der Bewährungshilfe auf die Lebens-, Bildungs-, Familien-, Einkommens- und Wohnsituation, auf den gesundheitlichen Zustand sowie auf die Entwicklung prosozialer Einstellungen und Kompetenzen ihrer Klient:innen zu untersuchen und deren Wechselwirkung mit der Legalbewährung zu analysieren. Dazu setzen zwei wissenschaftliche Institute gemeinsam mit dem Bedarfsträger NEUSTART, österreichweit der einzige Anbieter von Bewährungshilfe, ein elaboriertes Studiendesign um: In einem ersten Schritt werden die komplexen Wirkungsziele der Bewährungshilfe identifiziert und Wirkungsindikatoren operationalisiert. Daraus wird ein Fragebogen entwickelt, mit dem mindestens 400 Klient:innen telefonisch befragt werden. Ergänzend dazu werden die jeweiligen Bewährungshelfer:innen mittels Online-Survey befragt; zusätzlich werden Informationen aus der NEUSTART Dokumentation in die Auswertung integriert. Aus diesem multiperspektivischen Studiendesign werden Faktoren wie Methoden, Verlauf, Dauer, Intensität der Bewährungshilfe etc. in ihrer Wirkung auf die Klient:innen untersucht. In der Auswertung arbeiten wir u.a. mit einem Vergleichsgruppendesign, d.h. wir bilden unterschiedliche Teilstichproben, durch deren Vergleich wir Erkenntnisse über Wirkzusammenhänge generieren, sowie mit regressionsanalytischen Modellen, mit denen sich Wirkfaktoren identifizieren und Hypothesen über Zusammenhänge überprüfen lassen. Schließlich werden in qualitativen Interviews vertiefende Einsichten gewonnen und mit den quantitativen Daten zusammengeführt. Aus den erzielten Wirkungserkenntnissen werden gemeinsam mit dem Bedarfsträger evidenzbasierte Empfehlungen zur Optimierung der Bewährungshilfe erarbeitet und auf unterschiedlichen Ebenen in die Praxis und in den wissenschaftlichen Diskurs zurückgespielt.

Abstract

Probation services help offenders to come to terms with the crime they have committed and to avoid reoffending. Assistance further aims to support probationers in securing their own livelihoods and help them implement constructive changes in various areas of their lives. In German-speaking countries or in comparable legal systems, there is a lack of comprehensive impact evaluation of probation services. The aim of this project is therefore to examine the effects of probation on the living, educational, family, income and housing situation, on the health status and on the development of prosocial attitudes and competencies of the probationers and to analyze the interaction of these factors with recidivism. For this purpose, two research institutes cooperate to implement an elaborate study design together with NEUSTART, which is the only provider of probationary services in Austria. The first step is to identify the complex impact factors of probation services and to operationalize impact indicators. From this, a questionnaire will be developed and telephone interviews will be conducted with at least 400 clients. Second, the respective probation officers will be interviewed using an online survey, and information from the NEUSTART documentation will be integrated into the evaluation. From this multi-perspective study design, factors such as methods, course, duration, intensity of probation services are examined in terms of their effect on clients. The data analysis will be based on a comparative design where different sub-samples will be compared to generate findings about cause-effect relationships. Regression-modelling will help identify impact factors, and hypotheses about correlations will be tested. Finally, deeper insights will be gained from qualitative interviews, which will finally be analyzed together with the quantitative data. From these findings, evidence-based recommendations for the improvement of probation services will be developed in collaboration with NEUSTART in order to inform both practice and scientific discourse at different levels.

Endberichtkurzfassung

Die Studie untersucht die Wirkungsweisen der österreichischen Bewährungshilfe (BWH) auf der Basis einer standardisierten face-to-face Befragung von 408 Klient:innen (Selbsteinschätzung) sowie der parallelen Befragung ihrer Bewährungshelfer : innen (Fremdeinschätzung). Ergänzt wurden die Befragungen zum konkreten Fall von einer Erhebung der Haltungen, Methoden und Arbeitsbedingungen der Bewährungshelfer:innen. Eingeschlossen wurden Fälle mit bedingter Strafnachsicht bzw. bedingter Entlassung, die sich seit mindestens drei Monaten in Betreuung befanden. Um eine möglichst breite, nicht vorselektierte Stichprobe zu erreichen, wurden Klient:innen direkt in den Warteräumen angesprochen und vor Ort befragt. Aufgrund dieser Art der Rekrutierung sind Personen in höheren Betreuungsstufen mit hoher Kontaktfrequenz im Sample etwas überrepräsentiert, ehrenamtlich betreute Klient:innen unterrepräsentiert.

Neben den standardisierten Erhebungen baut die Studie auch auf qualitativen Elementen auf: Zu Beginn wurden, um die Wirkungen der BWH besser operationalisieren zu können, drei Fokusgruppen mit Bewährungshelfer:innen durchgeführt. In einer späteren Projektphase fanden ergänzend zwölf qualitative Interviews mit Klient:innen statt, um Veränderungen und Wirkprozesse kontextsensibel zu vertiefen.

Ein zentraler Befund der Untersuchung ist die große Bedeutung der Arbeitsbeziehung , deren Aufbau und Gelingen nicht nur Voraussetzung und Mittel zum Zweck, sondern auch eigenständiges Ziel und Wirkung sein können. Drei Viertel der Klient:innen bewerten die Qualität der Arbeitsbeziehung als sehr gut, was vor dem Hintergrund des Zwangskontextes, in dem die BWH stattfindet, bemerkenswert ist. Auch in den multivariaten Analysen erweist sich die Arbeitsbeziehung als bedeutender Einflussfaktor. Die vertiefenden Interviews bestätigen dieses Bild: Wirksamkeit entsteht weniger durch standardisierte „one-size-fits-all“-Programme als durch professionelle, kontext- und bedürfnisorientierte, vertrauensbasierte Beziehungsgestaltung; erprobte Instrumente wie die Deliktverarbeitung sind wichtig, ersetzen aber die Beziehungsarbeit nicht.

Mit Blick auf die soziale Integration stufen die Klient:innen ihre Lebenssituation durchgehend besser ein als die Betreuer:innen. Beide Gruppen nennen den größten Beitrag der BWH in den Bereichen Sucht und psychisches Wohlbefinden. Es zeigt sich zudem ein konsistenter Zusammenhang zwischen Betreuungsdauer und wahrgenommenem Beitrag der BWH zur Verbesserung der Lebenssituation: Die Einschätzungen der Wirkungen der BWH auf unterschiedliche Lebensbereiche ist sowohl aus Sicht der Klient:innen als auch aus Sicht der Bewährungshelfer:innen besser, je länger jemand in Betreuung ist.

Weitere Wirkungen der BWH wurden in vier Dimensionen eingeschätzt. In der Dimension Motivation und Empowerment sehen beide Befragtengruppen die stärksten Effekte, etwa bei Selbstvertrauen, Problemlösungskompetenz, positiver Zukunftssicht und Zielerreichung. Beim deliktrelevanten Verhalten berichten Klient:innen insgesamt Verbesserungen; drei Viertel stimmen zu, dass die BWH ihnen geholfen habe, nicht wieder straffällig zu werden, davon 50 Prozent „voll und ganz“. Verbesserungen zeigen sich auch im zwischenmenschlichen Verhalten , u.a. bei Konfliktregulation und Emotionskontrolle; hier bewerten Klient:innen die Wirkung tendenziell positiver als die Bewährungshelfer:innen. Am schwächsten fallen die Einschätzungen zur Unterstützung im Bereich Alltag und soziales Umfeld aus; insbesondere beim Aufbau eines sozialen Netzes jenseits delinquenter Milieus zeigen sich die Grenzen der BWH. Insgesamt bewerten zwei Drittel der Klient:innen die Unterstützungsleistung als hilfreich, ein Drittel sogar als sehr hilfreich; Bewährungshelfer:innen beurteilen die Ergebnisse differenzierter, mit einer Tendenz zur positiven Einschätzung.

Regressionsanalysen liefern schließlich Hinweise auf Wirkzusammenhänge : Aus Sicht der Klient:innen ist eine als hilfreich erlebte Deliktverarbeitung der wichtigste Faktor für die wahrgenommene Wirksamkeit in den zuvor genannten vier Bereichen. Daneben zählen die Qualität der Arbeitsbeziehung, die eigene intrinsische Motivation, eine eher risikoorientierte Arbeitsweise der Betreuer:innen sowie ein jüngeres Alter zu den prägenden Einflussgrößen. Aus Sicht der Bewährungshelfer:innen dominieren die Qualität der Arbeitsbeziehung, die Anzahl erfolgreicher Interventionen, eine beziehungsorientierte Arbeitsweise, eine längere Betreuungsdauer und genügend verfügbare Zeit pro Klient:in. Demografische Merkmale spielen hingegen keine nennenswerte Rolle.

Insgesamt zeigt die Studie, dass die BWH mit einer äußerst heterogenen Klientel arbeitet und dabei vielfältige, kontextabhängige Veränderungen anstößt, deren klare Ursache-Wirkungszusammenhänge aufgrund der unterschiedlichen Belastungen, Ziele und Vorstellungen eines „guten Lebens“ nur schwer isolierbar sind. Wirksame Unterstützung zur sozialen Integration wie zur Rückfallvermeidung beruht zentral auf der Qualität der Arbeitsbeziehung sowie der individualisierten Anwendung evidenzbasierter Methoden wie z.B. der Deliktverarbeitung. Je länger die BWH dauert, desto mehr positive Wirkungen werden sowohl von den Klient:innen als auch von ihren Betreuer:innen wahrgenommen.