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GamsKlimaMensch

Erforschung klimatischer und anthropogener Einflüsse auf die Gämse zur Entwicklung eines nachhaltigen Managements

Programm / Ausschreibung Bridge, Bridge - ÖFonds, Bridge Ö-Fonds 2020 Status laufend
Projektstart 01.01.2022 Projektende 31.12.2024
Zeitraum 2022 - 2024 Projektlaufzeit 36 Monate
Keywords Gämse; Klima; Mensch; nachhaltiges Wildtiermanagement

Projektbeschreibung

Die Alpengämse (Rupicapra r. rupicapra), nachfolgend kurz „Gämse“ oder „Gams“ genannt, wird als eine Leitart der alpinen und montanen Regionen Europas angesehen, welche auf Lebensraumveränderungen durchaus sensibel reagieren kann. Obwohl die Gams europaweit als „nicht gefährdet“ eingestuft wird, verzeichnen einige Regionen in den vergangenen Jahrzehnten einen Rückgang der gezählten Gamsbestände bzw. -jagdstrecken (insbesondere im Alpenraum). Diese Entwicklung wird auf eine Kombination verschiedenster Faktoren zurückgeführt, wobei anthropogene Störungen, hoher Jagddruck und der Klimawandel als wesentliche Einflussgrößen definiert werden.
Vergleichbar mit anderen Wildarten versucht auch die Gämse suboptimalen äußeren Bedingungen so gut wie möglich auszuweichen. In diesem Zusammenhang ist diese Wildart in der Lage, ungünstigen klimatischen Verhältnisse (hohe Temperaturen im Sommer, veränderte Niederschlagsmengen, Wetterextreme, etc.) bis zu einem gewissen Grad entgegenzuwirken, indem es seine Habitatwahl anpasst. Viele Autoren gehen davon aus, dass die Gämse ihre Habitatnutzung zukünftig in höhere Lagen, weg von der Baumgrenze, verschieben wird. Auch wenn dadurch stattfindenden klimatischen Veränderungen entgegengewirkt werden kann, haben derartige Raumnutzungsverlagerung aber nicht nur positive Konsequenzen für diese Wildart. Je weiter nach oben die Gams wandert, desto weniger Ressourcen werden in der Regel zur Verfügung stehen. Dies bezieht sich einerseits auf die vorhandene Nahrungsmenge und -qualität, andererseits aber auch auf die Ressource „Raum“.
Die ökologische Plastizität dieser Art könnte es allerdings ermöglichen, dass der Gams abseits von der „Flucht nach oben“ noch eine andere Option hinsichtlich der Habitatwahl offensteht. Die Anpassungsfähigkeit dieser Art sowie ihr Potential weite Wanderungen durchzuführen, ermöglichen es ihr auch, Gebiete unterhalb der Baumgrenze zu besiedeln. Sind ausgedehnte Lebensräume oberhalb der Baumgrenze kaum vorhanden, können sich Gämsen sogar ganzjährig im Wald aufhalten. Dieses Anpassungspotential könnte es dieser Wildart ermöglichen, bewaldete Gebiete zukünftig intensiver als Klimaschutzeinstand zu nutzen. Günstigere mikroklimatische Verhältnisse in den Wäldern, als auch das dort zur Verfügung stehende Nahrungsangebot könnten dieser Wildart zugutekommen, um den beschriebenen negativen Effekten der Klimaveränderung entgegenzuwirken. Derartige Veränderungen in der Raum-Zeit-Nutzung der Gämse können allerdings wiederum aus menschlicher Sicht unerwünschte Konsequenzen nach sich ziehen. Lokale Gamskonzentrationen in den Wäldern könnten rasch zu einem unerwünschten Verbeißen der Waldvegetation (Wildschaden) führen, auch wenn diese höheren Dichten zeitlich nur kurzfristig (z.B. während der heißesten Tage im Jahr) auftreten. Dies ist insofern als problematisch anzusehen, da in vielen Regionen des Alpenraumes die Ansprüche an die verschiedensten Leistungen des Waldes (Nutzung, Erholung, Wohlfahrt, Schutz, Lebensraumfunktion), vor allem an seine Schutzfunktion (Objekt- und Standortschutzwälder) steigen. Unerwünschter Wildeinfluss an der Waldvegetation kann sich negativ auf die Aufrechterhaltung dieser Leistungen auswirken.
Aber nicht nur klimatische Einflüsse, sondern auch die Feindvermeidung und das Sicherheitsbedürfnis spielen bei der Gämse eine sehr maßgebliche Rolle. Während die Forstwirtschaft Wildtierlebensräume in einer sichtbaren Art und Weise gestaltet, wirken die Freizeit- und Erholungsnutzung sowie die Jagd vorwiegend in einer unsichtbaren Weise auf den Wildtierlebensraum ein, indem sie Bereiche mit hoher beziehungsweise geringer Gefahr/Störungsintensität schaffen. Diese Bereiche sind zwar für den Menschen nicht unmittelbar erkennbar, werden jedoch von der Gämse sehr wohl wahrgenommen und beeinflussen dessen Raumnutzung und Verhalten maßgeblich. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Wildtiere selbst (Gesundheitszustand, Kondition, Überlebenswahrscheinlichkeit, Fortpflanzungserfolg, etc.) und auch auf das Wildschadenrisiko, indem sich das Wild zum Beispiel verstärkt in wildschadenanfällige, aber vor dem Menschen schützende und vielleicht schwierig zu bejagende Bestände zurückzieht und dort aus Mangel an sonstiger Nahrung Schäden an der Waldvegetation verursacht.
Im Rahmen der Vermeidung derartiger Effekte besteht eine große Schwierigkeit mit Sicherheit darin, dass wir mit einer alpinen Kulturlandschaft und einer intensiven Mehrfachnutzung dieser durch verschiedenste Landnutzergruppen konfrontiert sind. Gerade für Grundeigentümer mit Forst- und Jagdwirtschaft im Alpenraum stellt dieser Themenkomplex eine große wirtschaftliche Herausforderung dar. Diese müssen den Spagat schaffen, zwischen dem Erhalt und der jagdwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeit der Gams auf der einen Seite und der Vermeidung unerwünschter Wildeinflüsse auf der anderen Seite.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Hauptbedürfnisse der Gams wie Sicherheit, Ruhe und Nahrungsverfügbarkeit aber auch klimatisch günstige Bedingungen die Habitatwahl dieser Art prägen. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse wird allerdings immer schwieriger, da die Belastungen für diese Wildart durch verstärkte menschliche Störungen und Klimaveränderungen zunehmend anwachsen. Zusätzlich fehlen großteils fundierte wissenschaftliche Grundlagen, die es ermöglichen, (zukünftige) äußere Einflüsse auf die Alpengämse detailliert abschätzen zu können.
Im Rahmen dieses Projekts werden deshalb die Bewegungsmuster von Gämsen und damit deren Habitatnutzung mit Hilfe moderner GPS-Halsbandsysteme analysiert. Die Nutzung in Raum und Zeit werden vor dem Hintergrund möglicher Einflussfaktoren (Vegetation, Klima, menschliche Störungen, etc.) erforscht. Zusätzlich werden den besenderten Gämsen Pansensonden verabreicht, welche zur Messung des Herzschlages und der inneren Körpertemperatur dienen. Damit kann der Energiestoffwechsel quantifiziert werden und somit physiologische Konsequenzen der äußeren Rahmenbedingungen als auch der Verhaltensanpassungen dokumentiert werden. Basierend auf den Ergebnissen dieses Projekts wird es möglich sein, die Einflüsse klimatischer Effekte als auch menschlicher Aktivitäten auf das Raum-Zeit-Verhalten, die Aktivität sowie den Stoffwechsel von Gämsen abzuschätzen. Dadurch kann ein Beitrag zu einer fundierten wissenschaftlichen Grundlage für ein nachhaltiges Management dieser Wildart geschaffen werden, um einen negativen Trend der Gamsbestände sowie unerwünschten Wildeinfluss an der Waldvegetation entgegenzuwirken. Ein derartiges Management soll dazu beitragen, den Wald, die Berge und die Gämse dauerhaft erhalten und gleichzeitig die Nutzungsansprüche des Menschen gewährleisten zu können.

Abstract

The Alpine chamois (Rupicapra r. rupicapra), is regarded as an indicator species of the alpine and montane regions of Europe, as it can react sensitively to changes in habitat. Numerous studies in various regions show a decline of chamois populations in recent decades especially in alpine areas. Although this development is attributed to a combination of various factors, many authors primarily ascribe climatic changes, anthropogenic disturbances and high hunting pressure for the observed alterations.
Similar to other game species, chamois tries to avoid suboptimal habitat conditions as much as possible. This game species is able to counteract unfavourable climatic conditions (e.g., high temperatures in summer, changed amounts of precipitation, weather extremes) to a certain extent by adapting its choice of habitat. In this context, many authors assume that the Alpine chamois will shift their habitat use to higher altitudes away from the tree line. However, such shifts in habitat use may have some negative consequences for this species. The further up the chamois moves, usually the fewer resources will be available. This relates on the one hand to the quantity and quality of food availability, but on the other hand also to the habitat size, which can be used by each individual.
The ecological plasticity of this species could, however, make it possible for the chamois to have another option in terms of habitat choice apart from using higher altitudes. The adaptability of this species and its potential to migrate also enables it to colonise areas below the tree line. If the habitat suitability declines above the tree line, chamois may remain in the forest throughout the whole year. This flexibility could enable the chamois to use forested areas more intensively in the future. More favourable micro-climatic conditions in the forests (e.g., cooler temperatures) could therefore be used to counteract negative effects of climate change, like higher temperatures in summer. However, such changes in spatio-temporal habitat use by chamois can in turn have undesirable consequences from a human point of view. Local chamois concentrations in the forests could quickly lead to undesirable changes in forest vegetation caused by browsing, even if these higher densities only occur for a short time (e.g., during the hottest days of the year). This can be seen as problematic, as in many regions of Europe the demands for forest services (e.g., recreation, welfare, habitat function), and especially the requirement of protective functions (object- and site-protection forests), is increasing. Undesired influences of chamois on forest vegetation can have a negative impact on the maintenance of these services.
In addition to climatic influences, avoidance of (human) disturbances and the need for security play also a very important role concerning the habitat selection of chamois. While forestry influences wildlife in a visible way by forming the habitat structure and composition, recreational use and hunting have a less detectable effect on wildlife by creating areas with high or low disturbance. Although impacts of disturbance on wildlife and their habitats are not easily recognisable for humans, they are very well perceived by chamois and have a decisive influence on their spatio-temporal behaviour. This in turn has an impact on the species itself (e.g., state of health, physical condition, probability of survival, reproductive success) and on the risk of forest damage caused by chamois.
Mitigating such impacts on forests will require reconciling competing demands among land-user groups occupying the alpine cultural landscape. Hunters want to preserve the chamois for hunting, forest owners want to avoid browsing damage, and recreationists want to traverse scenic mountain areas.
In summary the main needs including security, rest, foraging, and climatically favourable conditions shape habitat selection in chamois. However, it is becoming increasingly difficult to meet these needs as the pressure on this species is increasing due to increased human disturbance and climate change. In addition, there is a lack of basic scientific knowledge regarding the effects of these pressures on chamois.
To counteract these problems, we analyse the movement patterns of chamois and their habitat use within this project using modern GPS collar systems. The habitat use of collared individuals is linked with external factors, including climate variables, vegetation types, and human disturbance. In addition, rumen transmitters are used to measure the heart rate and internal body temperature of the collared individuals. Through this approach, we quantify and document the energy metabolism of chamois, in relation to external factors. Based on the results of this project we are able to estimate the influence of climatic effects as well as human activities on the spatio-temporal behaviour, activity and metabolism of chamois. The gained knowledge can be used in the future to develop a scientifically based approach to sustainable management of the Alpine chamois in Europe. Additionally, our project findings can be used to counteract problems such as undesirable game impacts and conflicts between stakeholders in cultural landscapes.